Erstmals in Deutschland zeigt f³
– Freiraum für Fotografie eine umfangreiche Retrospektive der
österreichisch-britischen Exilfotografin Edith Tudor-Hart (geboren 1908 in Wien – verstorben 1973 in Brighton).
In ihrem Werk wies sie engagiert auf
gesellschaftliche Missstände hin, behandelte Themen wie Armut, Integration und
Frauenrechte und bildete die Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse ab. Sie
fotografierte das Leben in Wiener Hinterhöfen, an der Donau und im Prater, die
Proteste gegen den aufkommenden Faschismus, Bergmänner, Fabrikarbeiter und
Fischer in Wales, die Frauenbewegung der Nachkriegszeit und die neuen
Einrichtungen der Reformpädagogik.
Aus einer säkularen jüdischen
Familie in Wien stammend und als überzeugte Kommunistin war ihr Lebensweg von
politischer Verfolgung und persönlichen Schicksalsschlägen geprägt: Zunächst
absolvierte sie eine Ausbildung zur Montessori-Kindergartenpädagogin in Wien
und London, wo sie den Beruf auch ausübte. In den späten 1920er-Jahren
studierte sie am Bauhaus in Dessau Fotografie und Grafik und entwickelte dort
ihren sachlichen, sozialkritischen Stil. 1933 wurde sie wegen ihres Engagements
in der Kommunistischen Partei inhaftiert und floh vor dem Faschismus ins Exil
nach England. Ihren Mann, den britischen Arzt Alexander Tudor-Hart, heiratete
sie an der britischen Botschaft in Wien, damit sie als seine Ehefrau nach
Großbritannien ausreisen konnte. In London setzte sie ihre fotografische Arbeit
erfolgreich fort und publizierte zahlreiche Reportagen in linksgerichteten
Zeitungen und Zeitschriften, darunter die Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ), der Kuckuck und die Picture Post.
Vermutet wird, dass Edith
Tudor-Hart bereits seit ihrem Teenageralter mit Nachrichtendiensten und
Geheimdiensten der Sowjetunion zusammenarbeitete. Ihre Aktivitäten als Agentin
blieben jedoch zeitlebens unentdeckt. Historisch belegt ist, dass sie eine
Schlüsselrolle bei der Rekrutierung des berühmten Spionagerings „Cambridge
Five“ spielte. Aus Angst vor Überwachung und Enttarnung vernichtete sie in den
1950-Jahren einen Teil ihrer Negative und beendete wegen des Drucks des
englischen Geheimdienstes und aus gesundheitlichen Gründen ihre Tätigkeit als Fotografin. Um ihren
Lebensunterhalt zu bestreiten, eröffnete sie ein kleines Buchantiquariat. 1973
starb Edith Tudor-Hart in Brighton. Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod wurde
ihr fotografisches Werk wiederentdeckt und neu bewertet. Ihr fotografischer
Nachlass befindet sich heute im Archiv des Fotohofs Salzburg.